Epiphanien – literarisch

|…Aber du träumst von einer Erleuchtung Nur ein einziger Anflug von Erleichterung Um einen Sinn zu finden in dem, was du gesehen hast…|

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten ehrwürdiger theologischer Begriffe, dass sie auch in anderen Gebieten Karriere machen können. Das gilt besonders für den Begriff der „Epiphanie“.

Denn neben der religiösen Grundbedeutung, die man auf die Formel der „Sichtbarwerdung eines Göttlichen in der Welt“ bringen kann, gibt es auch säkulare Begriffsverwendungen, wenn nämlich bestimmte Erkenntniswege oder -momente als „Epiphanien“ bezeichnet werden, ohne dabei einen religiösen oder theologischen Zusammenhang zu bemühen.

Da ist in erster Linie an die Literatur der Moderne zu denken, wo der plötzliche Einbruch einer tieferen Erkenntnis inmitten einer alltäglichen, um nicht zu sagen banalen Umgebung ebenfalls als Epiphanie bezeichnet wird. Am bekanntesten ist dieses Phänomen im Werk von James Joyce. Dessen Helden, wie etwa Stephen Dedalus in „A Portrait of the Artist as a Young Man“, machen immer wieder Erfahrungen, in denen sich im Besonderen ein universell Gültiges, im Begrenzten ein Moment der Unendlichkeit, inmitten dichten Nebels das Aufblitzen einer neuen Sicht (im „Schnee-Kapitel“ in Thomas Manns „Zauberberg“), Offenbarungen des Wahren oder der Schönheit einzustellen scheinen. Virginia Woolf, auch sie eine Vertreterin der literarischen Epiphanie, nennt das dann „Moments of Being“, inselhafte Momente (authentischen) Daseins. Wird hier einfach die religiöse Grenzerfahrung einer Epiphanie zum rhetorischen Kniff einer säkularen Poetik?

Theologen sagen, dass die biblische Epiphanie oft mit dem Gedanken einer Rettung aus höchster Not verbunden ist: Und selbst die wichtigste Epiphanie, die Menschwerdung Gottes in Christus, ist zu allererst eine Rettungstat, ein Eingriff Gottes zur Erlösung der Welt. Solche Epiphanie verweist immer auch auf ein – eschatologisches – Ziel, die kommende Erlösung: Das „erscheinende“ Göttliche ist ein „Kommendes“, ist Vorschein des heilsgeschichtlichen Ziels.

Die Epiphanien der literarischen Moderne sind dagegen nicht auf ein (welt)geschichtliches Ziel, sondern auf einen Weg subjektiver Entwicklung gerichtet, auf die Ich- oder Selbst-Werdung des Individuums.

Darum vollzieht sie sich besonders im autobiographischen Rekurs auf die eigene Geschichte, im Modus der Erinnerung an entscheidende Begegnungen und Erfahrungen, die zu Wendepunkten des Lebens (um)gedeutet werden.

Doch hat auch diese subjektive Komponente, so sieht es der kanadische Philosoph Charles Taylor in seiner monumentalen Studie zu den kulturgeschichtlichen „Quellen des Selbst“, einen kulturgeschichtlichen Grund. Die „epiphanische Kunst“ ist Ausdruck der Suche nach Sinn, Authentizität sowie den wahren Werten menschlichen Seins in einer säkularen Zeit. Die zu liefern reicht die Religion in der Moderne nicht mehr; Rettung von außen ist als Fremdbestimmung für das autonome Subjekt keine Lösung. Aber das Versprechen der aufklärerischen Rationalität ist ebenfalls in Misskredit geraten, ihre kalte instrumentelle Vernunft, ihr strikter Drang zur Naturbeherrschung liefern gerade keine Antwort auf die Sinnfrage. Dagegen hatte schon die Romantik im weitesten Sinne ihre Bedenken artikuliert, indem sie auf die Notwendigkeit beharrte, Individualität, Natur und Transzendenz ihre Rechte einzuräumen.

Die Epiphanie liefert, so könnte man sagen, Momente der Versöhnung dieser Gegensätze. Taylors Studie ist eingeschrieben in eine philosophische Lehre vom Menschen, zu dem es offenbar gehört, für die Gewinnung wesentlicher Erkenntnisse auch ein disruptives, den Alltag durchbrechendes Element zu benötigen: Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer beklagte jüngst, wieso das seit Jahrzehnten bekannte und stetig wachsende sachliche Wissen über die Klimakrise entgegen jeglicher Vernunft nicht hinreiche, eine große Mehrheit der Menschen zu einem Umdenken zu bewegen.

Es brauche daher nicht noch mehr Wissen, sondern einfach mehr klimabewusste „Aha-Momente“; was im Grunde nichts anderes meint als „Epiphanien“, die freilich für uns nur in der Reflexion also solche zu erkennen sind: Die Phänomene sind da, erkennen müssen wir sie selbst.

 

But you dream of some epiphany Just one single glimpse of relief To make some sense of what you’ve seen… (Taylor Swift: Epiphany)