„Berge oder Meer“, für viele Urlaubssuchende ist dies die touristische „Gretchenfrage“. Ob wir uns lieber im Liegestuhl am Strand räkeln oder die Bergschuhe schnüren, um durch alpines Gelände zu kraxeln, liegt uns wahrscheinlich tief in den Genen oder beruht wenigstens auf früher kindlicher Prägung.
Natürlich gibt es auch die Universalisten, die souverän im Winter auf den Bahamas Sonne tanken, um im Sommerurlaub Anden-Gipfel zu erklimmen, aber bei den meisten dürfte doch eine klare Vorliebe herrschen.
Die Tourismusforschung hat das Phänomen untersucht und kommt zu dem Schluss, dass die Alternative „Berge oder Meer“ zwei verschiedene Antworten auf ein gemeinsames Begehren repräsentiert: die Distanz zum Alltag. Während die Berge den Wunsch nach ausgiebiger Aktivität erfüllen sollen, steht das Meer mit seinem rhythmischen Wellenschlag für die beschauliche Entspannungs-Variante. Hier vita activa, dort vita contemplativa, ist das wirklich so einfach? Wer sich für Kite-Surfen oder sonstigen Wassersport jeder Art begeistert, der wird angesichts der vollen Sonnenterrassen in den Berg-Sanatorien und Wellness-Hotels der Alpen für diese Erklärung kaum Verständnis aufbringen.
Vielleicht hat es doch mehr mit den Landschaftscharakteren selbst zu tun?
Historisch gesehen sind beide als Urlaubsziele eher junge Phänomene. Wie der Kulturhistoriker Alain Corbin in seinem wunderbaren Buch „Meereslust – Das Abendland und die Entdeckung der Küste“ dargelegt hat, ist das Meer lange Zeit eher ein Ort des Schreckens und der Abscheu gewesen, lebensfeindlich und eine ständige Bedrohung. Es war der Ort, der sintflutartige Überschwemmungen verursachen konnte, Ungeheuer beherbergte und mit seinem Brüllen und Tosen das Urbild göttlichen Zorns abgab. Im Paradies wird kein Meer sein, verspricht die Offenbarung des Johannes (Kap. 21,1). Erst Mitte des 18. Jahrhunderts ändert die aufkommen- de Aufklärung auch den Blick auf das Meer.
Der medizinische Fortschritt führt zur Einsicht in die heilsame Wirkung der Meeresluft, die den von stickiger Stadtluft geplagten Urlauber durchatmen lässt: Die dem Meer entstammende, schaumgeborene“ Venus wird zum Sinnbild einer durch Thalassotherapie zu gewinnenden Verjüngung, Seebäder entstehen in großer Zahl an Nord- und Ostsee. Dass dabei auch Aktivität mitgedacht wird, zeigt der Umstand, dass der Aufenthalt am Meer als Mittel gegen die Sünde der Melancholie schon in Robert Burtons „Anatomy of Melancholy“ von 1621 dringend empfohlen wurde.
Wie sieht es aber mit den Bergen aus: Psalm 121, ein Wallfahrtslied, beginnt mit dem Vers „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen / Woher kommt mir Hilfe?“ Als Sitz der Götter sind Berge in allen Religionen verankert.
Aber Bergtourismus im engeren Sinne sei eine Mode erst des 19. Jahrhunderts, heißt es oft. Und gerne wird dann der baptistische Geistliche Thomas Cook aus dem englischen Derbyshire zitiert, der durch straff organisierte Gemeinschaftsreisen, auch in die Alpen, das Gemeinschaftsgefühl seiner Bewegung zu stärken suchte und so quasi die „Pauschalreise“ erfand. Aber für die Erschließung der Berge als Urlaubsziel für breite Bevölkerungsschichten sind andere Gründe entscheidend: Am Anfang stehen eher die Pionierleistungen Einzelner, die den menschlichen Erkenntnisdrang auch auf so lebensfeindliche Regionen wie die Gipfel der Berge ausweiteten. Hadrians Besteigung des Ätna um 125 n. Chr. oder Petrarcas Buch über seine Besteigung des Mont Ventoux (1336) sind nur einige Beispiele für diesen Drang, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erkunden. Erst nachdem diese Pioniere das Terrain der Berge erkundet, kartografiert und touristisch erschlossen hatten, kamen allmählich auch die Massen, ob organisiert in Alpenvereinen oder als Einzelgänger auf den Spuren der großen Alpinist*innen.
Berge und Meer stehen als Pole des gigantischen Wirtschaftsfaktors Tourismus nun erneut vor großen Veränderungen, die sowohl der Klimawandel wie auch die demographische Entwicklung mit sich bringen werden. Aber bei allen Unterschieden werden sie eines in gleicher Weise behalten:
In ihren schieren Dimensionen, die menschliche Maße weit hinter sich lassen, stehen sie weiter für die Begegnung mit dem Erhabenen.
