Liebe Leserin, lieber Leser,
„Kann Kirche Demokratie?“ Unter diesem Titel veröffentlichte der Theologe und Journalist Arnd Henze 2019 einige provokante Thesen zur Frage, wie sich die evangelische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu Demokratie und Grundgesetz sowie den drängendsten gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart positioniert habe. Da ist vom anfänglichen Fremdeln mit der Demokratie die Rede, von Antimodernismus, einem Liebäugeln mit autoritären Strukturen und einer nur zögerlichen Einübung in die Praxis freiheitlicher Demokratie.
Henze plädierte darin für einen „Mut zur Weltlichkeit“, für eine Kirche, der es gelinge, „die Resilienz und Gestaltungskompetenz demokratischer Entscheidungsprozesse zu beweisen“, statt vor „den Verlockungen autoritäterer Angebote zu kapitulieren (S. 168)“.
Auch fünf Jahre später ist die Frage nicht entschieden, und das Ringen christlicher Gemeinschaften um die richtige Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung hält an. Mit der anstehenden Bundestagswahl wird diese Frage sehr konkret: Aber die Formel „Du hast die Wahl“ weist weit über einen gelegentlichen politischen Wahlvorgang hinaus auf andauernde, sich in viele Situationen aufsplitternde Entscheidungen. In diesem Gemeindebrief stellen wir einige Wege vor, auf denen Menschen in der Kirche auf der Basis des Evangeliums ihre Verantwortung für ein demokratisches Miteinander wahrnehmen. Sie sind so vielfältig wie die Menschen, die sich in der Kirche engagieren.
Und vielleicht ist gerade das die demokratische Kraft der Kirche heute, dass in ihr diese Vielfalt an Stimmen nebeneinander existieren kann, dass sie mehr ist als ein aktivistischer Zweckverband zur Durchsetzung einer bestimmten politischen Agenda, sondern ihre zentralen Themen wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung u.v.a. in möglichst breitem Dialog entfaltet.
Das kann Kirche!
Eine gute Wahl und eine ermunternde Lektüre wünscht
Ihre Gemeindebrief-Redaktion
