Du hast die Wahl

  • Charlotte Fischer

Verantwortung im Licht des Glaubens

Historische Parolen wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder „We shall overcome“ sind mehr als bloße politische Slogans. Sie spiegeln den Drang nach Veränderung, den Widerstand gegen Unrecht und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wider. Doch was bedeutet es, als Christ Verantwortung zu übernehmen – besonders in einer Zeit, in der populistische Parolen die politische Landschaft prägen?

Die christliche Freiheit: Verantwortung als Handlungsauftrag

Für viele Menschen bedeutet Glauben Zwang und Einengung. Für mich wird in unserem Glauben an erster Stelle die uns geschenkte Freiheit groß. In Galater 5,13 fordert Paulus uns auf: „Ihr seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“ Christliche Freiheit ist keine Freiheit von Verantwortung. Christliche Freiheit ist keine Freiheit, die alles als gleichgültig ansieht. Sie ist vielmehr die Befähigung, im Dienst an anderen zu handeln. Diese Freiheit verpflichtet uns, das Wohl des Anderen im Blick zu behalten und Verantwortung zu übernehmen. Der Theologe Jürgen Moltmann (1926-2024) beschreibt dies als eine „Freiheit zur Verantwortung“, die dazu auffordert, das Reich Gottes in dieser Welt sichtbar zu machen.

Die Kirche als „Gegenkultur“ in einer polarisierten Gesellschaft

Jesus bezeichnet die Gläubigen in Matthäus 5,14-15 als „Licht der Welt“. In einer Welt, die von Machtstreben und Ungerechtigkeit geprägt ist, ist es unsere Verantwortung, als „Licht“ eine Alternative zu bieten. Dies erfordert, dass wir als Kirche nicht in weltliche Machtstrukturen eintauchen, sondern eine klare ethische Haltung einnehmen – eine Haltung, die sich nicht von populistischen Strömungen vereinnahmen lässt. Die Kirche muss sich immer wieder als „Gegenkultur“ verstehen, die bestehende gesellschaftliche Normen hinterfragt und eine andere Ordnung vorlebt. Dies ist eine Aufgabe, die auch in politischen Entscheidungen und im Wahlakt sichtbar werden kann.

Verantwortung in der Demokratie

Demokratie ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt. Der Wahlakt in einer Demokratie ist eine Form, wie wir dieser Verantwortung nachkommen können. Dietrich Bonhoeffer, der sich aktiv gegen das Nazi-Regime stellte, erinnert uns daran, dass Glaube und Verantwortung für das Gemeinwohl untrennbar miteinander verbunden sind. In einer Demokratie haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, für Gerechtigkeit, Frieden und das Wohl der Schwächeren einzutreten. „Was ihr für einen dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

In dieser Einladung zu einem radikalen Dienst am Nächsten zeigt sich die wahre Dimension der christlichen Freiheit. Im politischen Kontext bedeutet dies, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die sich auf die Werte des Evangeliums stützt: Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Frieden.

Dorothee Sölle stellt fest: Ein Glaube, der nicht in politisches Handeln übersetzt wird, bleibt unvollständig. Die Wahl ist nicht nur eine politische Entscheidung – sie ist ein Akt des Glaubens, der die christliche Verantwortung in der Welt sichtbar macht.

Eine christliche Parole für die Zukunft

Wenn wir als Christen nach einer Parole für die Bundestagswahl suchen, könnte sie vielleicht lauten: „Freiheit im Dienst am Nächsten“. Diese Parole beschreibt eine Freiheit, die sich für Gerechtigkeit und Liebe einsetzt und Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt. Sie fordert uns heraus, die Freiheit, die uns durch Christus geschenkt wurde, aktiv in die Tat umzusetzen. Der Wahlakt wird so zu einer Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen – nicht nur für uns selbst, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.

Pfarrerin Charlotte Fischer