Ein Liebesdrama in der Bibel?

  • Martin von Dobbeler

Für viele Menschen scheint die Bibel immer noch ein Buch zu sein, das zu Zucht und Ordnung und Keuschheit aufruft. Schaut man genau hin, gibt es aber in den Lehr- bzw. Weisheitsbüchern der Hebräischen Bibel plötzlich etwas, das vor Liebe, Lust und Erotik nur so überquillt: Das Hohelied Salomos.

Das Lied ist aber nicht nur ein Lied, sondern ein ganzes Buch. Dieses Buch ist gefüllt mit schwärmerischen und sehnsuchtsvollen Versen über Liebe und Erotik. Frau und Mann besingen im Wechsel ihre Liebe und ihr Verlangen, preisen die Schönheit des Gegenübers.

Sie malen sich aus, wie es wäre, sich wiederzusehen. Was sie vermissen. Es ist ein Zusammenspiel aus Begierde, Lust und deren Erfüllung, aus Sehnsucht, Trennung und der Vereinigung. Und das in einer besonderen Sprache: Ausgesprochen bildhaft, mehrdeutig, poetisch.

Nicht zuletzt aufgrund dieser bildhaften Sprache wurde das Hohelied schon früh allegorisch ausgelegt: Auf die Liebe zwischen Gott und dem Volk Israel hin; christlich auf Christus und die Kirche oder gar Christus und Maria. Man könnte aber auch meinen, so Christoph Uehlinger, Professor für historische und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Zürich, es handle sich nicht einfach um selbstständige, profane Liebeslieder, die allegorisch auszulegen seien, sondern um ein ganzes Drama mit mehreren Akten. Ein Liebesdrama zwischen drei Personen:

Einer Frau, einem Hirten und einem König. Die Frau, Sulamith, kommt an den Palast des Königs, um in seinen Harem aufgenommen zu werden. Der König ist nicht allein prachtvoll gekleidet, sondern auch äußerst wortgewandt.

Er betört sie geradezu mit seiner Sprache. Sulamith bewundert ihn. Doch gleichzeitig sehnt sie sich auch nach ihrem Geliebten. Er ist Hirte und gehört nicht zum Hof des Königs. Zwischen den beiden stehen nun die Mauern des Palastes. Nur durch ein Gitterfenster können sie sich noch manchmal sehen und hören. Eines Nachts wird die Sehnsucht zu groß, sodass Sulamith aus dem Palast flieht. Sie zusammen die Nacht im Haus ihrer Mutter. Doch die Hochzeit mit dem König steht an. Und so kann sie nicht bleiben. Der König umwirbt Sulamith während der Hochzeit und drückt seine Bewunderung aus: „Deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead…“ – mit Erfolg. Sulamith und der König verbringen nun die Nacht zusammen. Doch danach kehrt sie zurück in ihr Zimmer im Palast. Dort wird sie bald schon von ihrem Geliebten durch das Gitterfenster gelockt. Sie will aufstehen und zu ihm ans Fenster, doch er ist weg. So macht sie sich erneut nachts heimlich außerhalb des Palastes auf die Suche nach ihm, wird dabei aber von Wachen aufgegriffen und geschlagen. Zurück im Palast schildert sie den anderen Frauen des Harems ihren Liebeskummer.

Sie verhelfen ihr zur erneuten Flucht – Sulamith kann ihren Geliebten in einem Garten treffen. Beim Treffen verleiht sie ihrer Verzweiflung Ausdruck, dass sie sich nie mit ihrem Geliebten wird öffentlich zeigen können. Dies gipfelt darin, dass die königliche Hochzeit und der Reichtum des Königs verspottet werden:

Nicht die Liebe, die durch eine königliche Hochzeit oder einen prachtvollen Palast hervorgerufen werden soll, zählt, sondern die Liebe „unter dem Apfelbaum“. Eine Liebe, die selbst dem Tod trotzen würde und die sich nicht von Zwängen der Gesellschaft gefangen nehmen lassen will. Eine Liebe, deren Lust und List es ermöglichen wird, dass sie auch zukünftig in die Balsamberge entfliehen wird.

Ob es sich beim Hohelied nun um ein Drama handelt oder doch um selbstständige, voneinander zu trennende Liebeslieder – es zeigt uns, dass alle Gefühle Platz in der Bibel haben.

Und dass es sich lohnt, offen zu bleiben für Überraschungen und Geheimnisse, die in der Bibel entdeckt werden können.

 

Literaturangabe:

Christoph Uehlinger, Anthologie oder Dramaturgie?
Ein außergewöhnliches biblisches Buch: Das Hohelied der Liebe, in: Welt und Umwelt der Bibel Nr. 21, 2001, 34-39.