Ein reiches Erbe | Das Evangelische Gesangbuch feiert 500. Geburtstag

  • Wolfgang Platen

Dass die Reformation ohne die Medienrevolution des Buchdrucks nicht denkbar gewesen wäre, zeigt sich nicht nur in der Druckgeschichte von Luthers Schriften, sondern auch in der Entstehung eines weiteren spezifisch reformatorischen Mediums, im evangelischen Gesangbuch. Luther hatte den bis dahin unüblichen volkssprachlichen Gemeindegesang zu einer tragenden Säule des Gottesdienstes wie auch der privaten Glaubenspraxis erklärt.

Da dauerte es nicht lange, bis der Wunsch aufkam, seine zuerst als Einblattdrucke kursierenden Lieder zu einem Handbüchlein zusammenzufassen, in das dann auch Melodien und Texte anderer Dichter (und Dichterinnen: Elisabeth Cruciger) Eingang fanden. Und so entstanden im Jahr 1524 gleich mehrere Drucke; neben dem Achtliederbuch mit Liedern Luthers und Paul Speratus‘ auch die beiden Versionen des Erfurter Enchiridions sowie das mit Chor-Sätzen von  Johann Walter versehene Wittenberger Gesangbüchlein. Obwohl es natürlich auch früher schon musikalische Elemente in der Liturgie gab, galt den Herausgebern dieser neuen Sammlungen ihre Initiative explizit als Aufbruch und Neubeginn.

Polemisch setzt etwa die Vorrede zum Erfurter Enchiridion dessen Werke gegen das „Geschrei der Baalspriester“ im katholischen Ritus. Aus den kleinen Anfängen entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte ein riesiger Schatz, der ständig verändert, erweitert und den zeitgenössischen Bedürfnissen bzw. Vorlieben angepasst wurde.

Denn von Beginn an verstanden sich die Sammlungen nicht lediglich als „Texthefte“ für den gottesdienstlichen Gebrauch, sondern als Erbauungsbuch, immer weiter angereichert mit Gebeten, Bekenntnistexten, historischen und liturgischen Erläuterungen und vielem mehr.

Eine solche Fülle verlangte natürlich nach Gliederung und redaktioneller Strukturierung, und regionale, landeskirchliche Eigenheiten trugen weiter zur Ausdifferenzierung dieses historischen Erbes bei. Ein Prozess, der bis heute anhält: Das heute gängige „Evangelische Gesangbuch“ (eg), das in den 90er Jahren das Evangelische Kirchengesangbuch „EKG“ von 1950 ablöste, steht wieder vor einer grundlegenden Überarbeitung, die in den nächsten Jahren abgeschlossen sein soll.

Wie reich das Erbe ist, zeigt schon ein kurzer Streifzug durch die großen Traditionen, die bis heute die Sammlung prägen und weit über die „Kernstücke“ Martin Luthers („Ein feste Burg…, 362) hinausreichen. Hier wechselt das Ringen um Aktualisierung, sei es der Texte, seien es die Melodien, mit ehrfürchtiger Rückbesinnung auf die Weisen der Vorfahren. Die frühen Lieder der Böhmischen Brüder („Wir wollen alle fröhlich sein, 100“), deren tschechisches Gesangbuch das erste volkssprachliche Gesangbuch überhaupt darstellt, gehören ebenso dazu wie die Psalmlieder des Genfer Psalters nach Calvin, Clément Marot, Loys Bourgeois und anderen („Nun saget Dank und lobt den Herren, 294).

Das vom Pietismus geprägte „Geistreiche Gesangbuch“ aus Halle („Macht hoch die Tür“, 1) ist ebenso vertreten wie Jorissens „Neue Bereimung der Psalmen“ („Lobt Gott den Herrn der Herrlichkeit“, 300). Für die neuere Zeit stehen die meist von Jacques Berthier komponierten liturgischen Taizélieder (Kyrie, 178.12) oder die Texte aus Jochen Kleppers Sammlung „Kyrie“ von 1938 („Die Nacht ist vorgedrungen“, 16). Und natürlich kann eine solche knappe Aufzählung nicht an Johann Crügers Vertonungen der Texte Paul Gerhardts vorbeigehen („Wie soll ich dich empfangen“, 11), und schon gar nicht an Johann Sebastian Bach („Ich steh an Deiner Krippen hier“, 37). Und noch ein Zug ist hervorzuheben:

Statt nach Abgrenzung trachten die neueren Berarbeitungen nach Ausbau des ökumenischen Erbes; die Gemeinsamkeiten mit dem katholischen „Gotteslob“ werden deutlicher herausgestellt. Auch hierzu liefern die liedergeschichtlichen und liederkundlichen Anhänge reiches Material, das die Beschäftigung lohnt.

 

Literatur: Johannes Schilling/Brinja Bauer: Singt dem Herrn ein neues Lied. 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch (1524 – 2024) Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2023