Demokratie bedeutet für mich Freiheit – die Freiheit, mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und meine Überzeugungen zu leben. Doch diese Freiheit ist nicht selbstverständlich; sie erfordert unser Engagement, um bewahrt zu bleiben. Ich habe die Wahl, und genau dieses Privileg gibt mir die Möglichkeit, für meine Werte einzutreten und mich ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren.
Aber warum setze ich mich ein, obwohl es mir selbst doch eigentlich gut geht?
Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn wir alle aktiv mitgestalten – im Kleinen wie im Großen. Ich engagiere mich im Ausschuss für weltweite Partnerschaft und Ökumene, insbesondere in der Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Kusini A in Tansania. Gemeinsam entwickeln wir Projekte, teilen unsere Erfahrungen und fördern den Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen.
Dabei geht es nicht nur um Hilfe, sondern um gegenseitiges Verständnis und Dialog. Die weltweite Partnerschaft zeigt mir, wie viel wir voneinander lernen können, wenn wir uns öffnen und bereit sind, neue Perspektiven anzunehmen.
Zudem organisiere ich das Kirchenasyl in unserer Gemeinde – ein Bereich, der mir jeden Tag zeigt, wie wichtig es ist, Menschen in Not nicht allein zu lassen. Hier geht es nicht nur um Schutz, sondern darum, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst ungehört bleiben. Sie mussten ihre Heimat, ihre Familien und oft alles, was ihnen lieb ist, zurücklassen, um Verfolgung und Lebensgefahr zu entkommen. Dabei begegnen sie nicht nur Angst und Hoffnungslosigkeit, sondern auch bürokratischen Hürden, unwürdigen und unfairen Verfahren, die ihnen selbst hier in Europa den Schutz erschweren. Im Kirchenasyl finden sie Zuflucht – nicht, weil es einfach ist, sondern weil es das Richtige ist.
Für mich hat all das ganz unmittelbar mit Demokratie zu tun. Demokratie lebt von Offenheit und der Bereitschaft, Grenzen zu überwinden. Genau das erlebe ich in der Partnerschaftsarbeit und im Kirchenasyl. Demokratie bedeutet nicht nur, dass die Mehrheit entscheidet, sondern auch, dass die Rechte und die Würde von Minderheiten geachtet und geschützt werden. Sie fordert uns auf, Verantwortung zu übernehmen und mutig zu sein – mutig genug, Brücken zu bauen, statt Mauern zu errichten.
Ich habe das große Glück, in Deutschland zu leben, wo ich die habe, mein Leben selbst zu gestalten: Ich darf wählen, reisen, lernen und meine Meinung frei äußern. Doch meine Arbeit erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind. Ich habe die Freiheit eine Wahl zu haben.
In der Partnerschaftsarbeit schaffen wir Begegnungsräume zwischen verschiedenen Lebensrealitäten. Diese Begegnungen stärken nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch uns selbst – sie fördern unsere Offenheit, unseren Mut und unser Verständnis füreinander. Eine lebendige Demokratie darf keine Angst vor „dem Fremden“ haben. Sie muss den Mut haben, Vielfalt als Bereicherung zu sehen.
Für mich ist Demokratie vor allem eines: gelebte Mitmenschlichkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns beteiligen – in der Gemeinde, in der Gesellschaft und darüber hinaus. Es geht darum zuzuhören, miteinander ins Gespräch zu kommen – offen, respektvoll und auf Augenhöhe. Ein Dialog, der nicht von Vorurteilen, sondern von Neugier und der Bereitschaft geprägt ist, voneinander zu lernen.
Wenn wir einander zuhören, unterschiedliche Perspektiven ernst nehmen und Erfahrungen teilen, legen wir den Grundstein für ein echtes Miteinander, in dem Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet. Denn eine Demokratie ist nur so stark wie die Verbindungen, die sie zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Meinungen schafft. Wir alle haben die Wahl – die Wahl, Verantwortung zu übernehmen, uns einzubringen und für eine Welt einzutreten, in der jede*r eine Stimme hat. Diese Wahl sollten wir jeden Tag aufs Neue mutig und bewusst treffen.
Johanna Lüttge
