Biblische Geschichten führen beim Lesen gerne hinauf. Ganz ohne schweißtreibende Anstrengung nehmen sie uns mit auf den ein oder anderen Berg, angefangen beim Ararat, auf dem die Arche Noah nach vielen Monaten des Regens aufsetzte, bis hin zu „einem großen und hohen Berg“, auf den der Seher Johannes geführt wird, um das Herabkommen des Himmlischen Jerusalem zu schauen. Hier wie dort ist auch von großen Wassern die Rede. Doch das Wasser der unheilvollen Sintflut „vertrocknete“ (Gen 8,13) und das Meer, das Johannes sah, „gab die Toten heraus, die darin waren“ (Offb 20,13), um dann von der Bildfläche zu verschwinden.
Zwischen diesen beiden Berg-Geschichten, die den Anfang und das Ende der Heiligen Schrift markieren, ragen in der Welt der Bibel weitere Gipfel als Orte der Rettung hervor.
Nicht von ungefähr beginnt Psalm 121 mit der Aussage: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“, um dann die Frage anzuschließen: „Woher kommt mir Hilfe?“
Dem Blick nach oben folgend können wir mit Abraham und Isaak drei Tage in das Land Moria gehen, „auf den Berg, da der HERR sich sehen lässt“ (Gen 22,14) – und dort den Atem anhalten: Das gezückte Messer richtet kein Unheil an, ein Engel verhindert, dass ein Menschenopfer stattfindet. Rettung naht auch am Berg Horeb. Dort können wir zusammen mit Mose die Stimme aus dem brennenden Dornbusch hören, die den Auftrag gibt, das Volk Israel aus der Sklaverei zu befreien. Gott gibt sich zu erkennen mit dem Zuspruch „Ich bin da“.
Auf dem Sinai sehen wir dann, wie Gott dem Mose die beiden Steintafeln mit den zehn Geboten übergibt – Worte des Lebens. Folgen wir später Elia in die Höhle am Horeb, begegnet uns Gott in der Stille des Schweigens, nicht in aufwühlenden Wetterphänomenen, Feuer oder Erdbeben. Im Neuen Testament werden wir auf dem Berg Tabor geführt. Dort treten neben dem hell leuchtenden Jesus Mose und Elia in Erscheinung und reden mit ihm, während Petrus sich wünscht, an dieser Stelle Hütten zu bauen und zu verweilen, so schön ist der Moment.
Und dann die Bergpredigt: Sie ist mit ihren Seligpreisungen und ethischen Herausforderungen als sinnstiftende Wegweisung und Stärkung des Zutrauens in die Geschichte eingegangen. Am Ölberg schließlich tritt Jesus seine Himmelfahrt an, nachdem er seiner Jüngerschar versprochen hat, Gottes Geist zu empfangen, und ein Engel sie davor bewahrt, als ‚Hans guck in die Luft‘ nach Hause zu stolpern.
Wie die biblischen Berge das rettende Handeln Gottes herausragen lassen, so spiegelt sich im Wasser der Meer-Geschichten, dass Gott helfen und beistehen will. So sehr das Meer einer Wüste gleicht, in der man Gefahr läuft, sein Leben zu verlieren, ereignen sich auch hier Rettungswunder:
Ein Fisch kommt auf Geheiß Gottes angeschwommen und bewahrt Jona vor dem Ertrinken. Ein starker Ostwind teilt das Schilfmeer, damit das Volk Israel in die Freiheit ziehen kann. Ein auf dem Wasser wandelnder Jesus gebietet dem Sturm, still zu sein. Und Paulus sagt, er habe dreimal Schiffbruch erlitten und sei einen Tag und eine Nacht auf dem Meer in Seenot getrieben.
Gleich zu Beginn der Bibel heißt es verheißungsvoll, dass Gottes Geist über den Urfluten schwebte. So sehr das Meer mit seinen Untiefen und Stürmen eine Bedrohung darstellt, muss es sich dem Willen Gottes beugen. Es hört auf Gottes Ansagen und sieht, worauf es ankommt, wie Psalm 114 verkündet: „Als Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremden Volk, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel sein Königreich. Das Meer sah es und floh. Und die Berge hüpften wie die Widder.“
Pfr. Uwe Grieser
