So hab ich mir den nicht vorgestellt!

Religionsunterricht (RU) gibt es auch am Berufkolleg. Am Heinrich-Hertz-Europakolleg werden die Schüler:innen von der Schulleitung und den Klassenlehrer:innen ermutigt, sich ein Bild vom RU zu machen, bevor sie in Erwägung ziehen, sich abzumelden. Denn der RU am Berufskolleg unterscheidet sich von dem ihrer bisherigen schulischen Laufbahn. Und siehe da, das Interesse ist groß. Wie kommt das?

Dazu hat Vikar Martin von Dobbeler zwei Klassen von Pfarrerin Jutta Tzschiesche befragt: Mediengestalter:innen (M) und KFZ-Mechatroniker:innen (K).

Herausgekommen ist ein kleines Loblied.

Was unterscheidet den RU von dem anderen Unterricht am Berufskolleg?

M1: Es geht hier viel um unsere Meinung, wir können offen reden. Jede zählt, auch wenn es eine ablehnende ist.

M2: Das hat hauptsächlich was mit Vertrauen zu tun. Wir haben zu Frau Tzschiesche mehr Vertrauen als zu unserem Klassenlehrer.

K1: Ist auf jeden Fall entspannter als der andere Unterricht. Da habe ich keine Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit beizubehalten.Das liegt vielleicht auch an der Kaffeemaschine. Aber auch daran, dass es viel abwechslungsreicher ist.

K2: Da gibt es viel mehr Interpretationsspielraum. Es gibt wenig richtig und falsch, nicht wie in Mathe. Viel zum Nachdenken, aber das macht es auch entspannter.

Wie sieht die Themenauswahl aus?

M1: Am Anfang hatten wir zwei Themen, die waren vorgegeben, das war so ein Kennenlernen. Aber dann haben wir selbst gucken können, welche Themen wir wählen. Das ist sehr offen und nicht so steif.

K1: Am Anfang wird immer gefragt, ob es ein Thema gibt, über das man reden möchte. Frau Tzschiesche hat einen eigenen Plan, aber geht auch auf die Themen von uns ein.

K2: Wir haben jetzt gerade die Entstehung von Religionen gemacht und das war auch interessant. Aber sie hat es auch neutral gehalten, also nicht so ‚meine ist besser‘ oder so. Und jetzt ist unser Beruf dran und wie der uns beeinflusst.

Begegnen Ihnen Inhalte aus dem RU im Alltag?

M1: Ja, schon. Also bei der Bergpredigt hatten wir dann ‚Wie deeskaliere ich Situationen?‘ Man kann auch aus so altbackenen Themen was ziehen.

M2: Wir haben dann was zum Gender-Paygap gemacht und da hat Frau Tzschiesche uns ganz viel gesagt, was schon wichtig war. Also dass wir da auch drauf achten müssen.

Fühlen Sie sich gesehen?

M1: Ich fühle mich da schon gesehen. Da wird man bewertet nach dem, was man sagt, wie es den Unterricht weitergebracht hat. Nicht, ob es richtig oder falsch war.

M2: Frau Tzschiesche fragt uns am Anfang immer, ob uns etwas beschäftigt oder ob wir über ein besonderes Thema reden wollen. Das hat dann einen kleinen Charakter von Gruppentherapie, da  man alles ansprechen kann, wenn was ist. Und dann spricht man offen miteinander.

K1: Man kann da echt freier antworten und es sind breiter gefächerte Themen, die wir besprechen. Das grenzt den Reli-Unterricht schon sehr ab vom anderen Unterricht.

Haben Sie sich den RU, auch gemessen an Ihrer bisherigen schulischen Laufbahn, so vorgestellt?

M1: So habe ich mir den nicht vorgestellt. Ist schon anders.

M2: Also gut anders. Ich hatte schon beides, philosophischen und den mit Bibellesen. Aber so ist schon schöner.

Sollte der RU Ihrer Meinung nach bleiben?

M1: Er sollte bleiben. Es ist immer so wie ein Zusammenfassen der Woche und man freut sich richtig drauf.

K1: Der Reli-Unterricht hier ist dynamischer. Mit den Diskussionsrunden, das ist mental ein netter Ausgleich.

K2: So wie jetzt, ja. Ist eine Abwechslung. Wir müssen in anderen Fächern Sachen können, die wir dann im Betrieb brauchen, aber da kann man über alles reden.

Es zeigt sich: Der RU bietet einen Rückzugsort vom ansonsten fordernden, auf Benotung ausgelegten Schulalltag und eine Möglichkeit, Themen anzusprechen, die die Schüler:innen beschäftigen. Gerade die Zugewandtheit schafft Relevanz. Was für eine Chance. Gut, dass sie mit Interesse und pädagogischer Flexibilität genutzt wird.

Martin von Dobbeler