Über die Maibräuche zum Doktortitel

  • Lisa Inhoffen

Alles neu macht der Mai, heißt es im Volksmund. Der Wonnemonat, wie man ihn auch gerne nennt, hat die Menschen nicht nur zu verschiedenen Redensarten, Volksliedern und Gedichten inspiriert, sondern auch einige Bräuche hervorgebracht. Einer, der sich damit auskennt, ist Gemeindemitglied Dr. Willi Wey – der Schwiegervater unseres Pfarrers im Probedienst, Niels Wey. Willi Wey ist promovierter Volkskundler. Seine Doktorarbeit hat der 60-Jährige über Maibräuche und ihre Entstehung geschrieben. Dabei hat ihn ein Brauch besonders interessiert. Der Titel seiner Dissertation lautet: „Mailehen – Erlebnis des ‚Überlebten‘. Ein Brauch als Medium.“

Wie kommt man auf die Idee, über Maibräuche zu promovieren?

Willi Wey: Bräuche haben mich immer schon interessiert. Ich habe Ethnologie in Bonn, Köln und Göttingen studiert und eine Weile in der Südsee geforscht. Meine Magisterarbeit habe ich über die Südseeinsel Palau verfasst. Ich habe später, als ich wieder zurück in Bonn war, eine Ausstellung zum Thema Braut im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln besucht und bin beim Durchblättern eines Katalogs zur Ausstellung auf einen Maibrauch gestoßen, bei dem Junggesellen unverheiratete Frauen im Dorf versteigern. Das fand ich so abseitig, dass ich der Frage nachgehen wollte, wie so ein Brauchtum entstehen kann.

Im Rheinland ist dieser Brauch aber sehr bekannt. In den Regionalredaktionen des General-Anzeigers kann man dazu um diese Zeit auch immer etwas lesen….

Wey: Ich stamme aus Münstermaifeld, das liegt bei Mayen in Rheinland-Pfalz. Dort macht man im Mai eher Streiche. Den Brauch gibt es dort nicht.

Wie fand Dein Doktorvater denn die Idee, dass Du über Maibräuche und speziell über die Versteigerung von unverheirateten Frauen promovieren wolltest?

Wey: Er fand es sehr interessant. Zumal wir uns auch gefragt haben, wie das sein kann, dass in der heutigen Zeit Frauen so etwas mit sich widerspruchslos machen lassen. Ich wollte alles darüber wissen, wie ist der Brauch entstanden, wie gehen die Medien mit einem auf den ersten Blick trivialen und frauenfeindlichen Brauch um? Und was sind die Hintergründe für das Maibaumaufstellen, für den Maitanz und so weiter.

Was hast Du herausgefunden?

Wey: Ich habe mir das Dorf Oeverich in der Grafschaft als Versuchsfeld ausgesucht. Ich habe viele Personen zu den Maibräuchen befragt. Auch bin ich dort Ottmar Prothmann begegnet. Er hat früher als Archivar im Bonner Stadtarchiv gearbeitet und kennt sich gut mit den Maibräuchen aus. Dabei habe ich gelernt, dass die Hintergründe für die Bräuche vielschichtig sind und die Dorfgemeinschaft vor allem das Ziel verfolgt, über das Brauchtum die Menschen zusammenzubringen. Die von den Vereinen organisierten Feste und Feierlichkeiten sind für alle Bürgerinnen und Bürger bedeutend. Sie sind sozusagen das lokale, generationsübergreifende Netzwerk, das die Gemeinschaft befördert. Dazu zählen auch die Maifeste, die Kirmes, Weinfeste und viele andere Veranstaltungen.

Und was ist mit der Versteigerung der Frauen?

Wey: Anders als ich dachte, sind die Frauen gar nicht passiv. Denn sie unterstützen mit diesem Brauch ebenfalls das soziale Leben im Dorf. Die Junggesellenvereine versteigern alle unverheirateten Frauen, auch ältere Frauen. Die Frauen sind dabei nicht anwesend. Ersteigert wird in der Regel mit Geld, die Beträge für die einzelnen Frauen dürfen aber nicht genannt werden. Am Ende fließt das Geld in die Vereinskasse, mit der die Maifeierlichkeiten finanziert werden. Somit haben alle etwas zum Erhalt des Brauchtums beigetragen. Dieser Brauch oder auch das Maibaumaufstellen fördert außerdem den Zusammenhalt der jüngeren Generation.

Lieber Willi, danke für das Gespräch!

 

PS: Im Schaltjahr müssen die Frauen ihren Liebsten einen Maibaum vor die Türe stellen. Diese Tradition ist noch recht jung, das Maibaumaufstellen an sich soll es bereits seit dem späten Mittelalter geben – als Zeichen der „Tanzfreiheit“.