Von den Lieblingen des Gesangbuchs

Jeden Sonntag einen Gottesdienst von der Orgel aus zu begleiten, bedeutet, dass man fast alle Lieder kennt. Einige davon gefallen besonders gut. Unsere Organistinnen Dorle Wattenberg und Elisabeth Gogolin sowie Oganist Michael Therre veraten, was sie am liebsten spielen.

 

Dorle Wattenberg

„Gott des Himmels und der Erden“ (EG 445) ist eines der Gesangbuchlieder, die ich besonders mag. Ich habe es schon als Kind in meiner Heimatgemeinde häufig gesungen, und es war eines der ersten Lieder, die ich auf der Orgel eingeübt habe. Für mich ist die Melodie ein Ohrwurm.

Es handelt sich um ein sehr altes Lied aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1642) und stammt von Heinrich Albert, einem Vetter und gleichzeitig auch Schüler von Heinrich Schütz. Er hat sich nicht nur als Kirchenmusiker (Domorganist in Königsberg), sondern auch als Dichter einen Ruf gemacht und Text und Melodie zu seinem Morgenlied selbst geschaffen.

Sechsmal steigt die Melodie nach oben und neigt sich wieder nach unten, wie Sonne und Mond, die auf- und untergehen, wie Tag und Nacht, die kommen und gehen, weil Gott ihnen diese Ordnung gegeben hat. Gedanklich ließ sich der Dichter von Martin Luthers Morgensegen inspirieren, einem Segenswort, dass ich als Konfirmandin noch auswendig gelernt habe und dass mir sehr vertraut ist. Bis in einzelne Formulierungen der sieben Strophen hinein ist die Ähnlichkeit zu erkennen und ein Vergleich der beiden Texte lohnt sich.

 

Elisabeth Gogolin

Mein Lieblingslied im Evangelischen Gesangbuch ist „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“. Kennengelernt habe ich es vor langer Zeit bei einer Trauerfeier für eine Bekannte, die eines gewaltsamen Todes gestorben war. Sie stammte aus Schottland, und in Großbritannien war das Ursprungslied „The day you gavest“ sehr populär. In unserer großen Betroffenheit hatte dieses Lied sowohl vom Text wie auch von der Melodie her eine ungemein tröstliche und uns verbindende Wirkung. Der englische Text des Liedes wurde 1870 vom anglikanischen Reverend J. Ellerton geschrieben. Von G. Valentin, Musikreferent der Ev. Kirche im Rheinland, stammen 1964 die unter EG 266 abgedruckten fünf deutschen Strophen. Für die Liturgie des Weltgebetstags hatte 1958 Pfarrer K. A. Hoppe schon eine 4-strophige deutsche Fassung erstellt (EG 490), mit der Melodie des Liedes „O, dass doch bald dein Feuer brenne“, kann aber auch zur Melodie von EG 266 gesungen werden).

Melodie und der Chorsatz werden dem englischen Geistlichen Clement C. Scholefeld zugeschrieben; evtl. war aber auch A. Sullivan, der Herausgeber der Kirchenliedersammlung, in der das Lied 1874 unter dem Titel „St. Clement“ veröffentlicht wurde, der Komponist.

Auch im katholischen Gotteslob ist eine von 1989 stammende Übersetzung des katholischen Theologen R. Weber, „Du lässt den Tag, o Gott, nun enden“ mit gleicher Melodie abgedruckt, dazu zwei zusätzliche Strophen. Übrigens wurde 2005 bei einer BBC-Abstimmung die Hymne „The day you gavest“ auf den 3. Platz in der Kategorie „Loblieder“ gewählt!

Durch den inhaltlichen Bezug zum Abend wird das Lied bei uns eher selten angestimmt, z.B. beim Ökumenischen Abendgottesdienst im Januar oder jetzt kürzlich zum Weltgebetstag der Frauen, der zum ersten Mal in Trinitatis mitgefeiert wurde.

Warum begeistert dieses Lied mich und so viele andere?

Natürlich ist es neben dem aussagekräftigen zeitlosen Text die mitreißende Melodie: Sie beginnt mit einem akzentsetzenden Aufschwung und versinnbildlicht weiter in großen harmonischen Bögen die Aussage des Textes: ein sich rund um den Erdkreis schwingendes Lob Gottes. Mit dem Auf und Ab der Melodie wandert um den Erdball ein ewiges Gebet, ein fortdauernder Lobgesang und verbindet somit die Menschen aller Nationen. Und ich finde es gut, dass im EG der gut singbare 4-stimmige Originalsatz und auch die englischen Strophen abgedruckt sind.

 

Michael Therre

Bei meinen zahlreichen Besuchen unserer Bundeshauptstadt Berlin führt mich mein Weg von Zeit zu Zeit auch in das schöne Nikolaiviertel nahe dem Alexanderplatz. Die Nikolaikirche, in ihrer heutigen Funktion Museum der Stiftung Stadtmuseum, stellt mit ihrer markanten Doppelspitze das Herz des Berliner Nikolaiviertels dar und sie gehört zu den ältesten noch erhaltenen Kirchen Berlins. Hier an St. Nikolai dichteten und komponierten Pastor Paul Gerhardt und Kantor Johann Crüger neben weiteren bekannten Kirchenliedern auch den Choral „Nun danket all und bringet Ehr“, heute EG 322. Dieses altehrwürdige Kirchenlied mit seiner fröhlich-festlichen Melodie begleitet mich nun seit meiner Kindheit und setzt mit seinem Liedtext einen besonderen Impuls im aktuellen Zeitgeschehen. Hier sei vor allem die denkwürdige vierte Strophe zitiert:

„Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land; er gebe Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand.“

Was hier auf kleinstem Raum theologisch ausgedrückt wird, ist die aktuelle Hoffnung vieler Menschen, die sich nach Frieden in unserer unsicheren und von zahlreichen Krisen geprägten Zeit sehnen. Bleibt zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen unserer Gesellschaft auf Worte Paul Gerhardts besinnen und der Mehrwert für die Menschen stets Handlungsmaxime ist.