Von Psalmen bis Worship: Wir stellen vier Gesangstraditionen vor.

  • Niels Wey, Martin von Dobbeler

Die evangelische Kirche ist reich an diversen Gesangs-Traditionen. Das Spektrum reicht vom klassischen Psalmodieren, wie es die Mönche in frühester Zeit ausgearbeitet haben, bis hin zu modernen, mit Band begleiteten Worshipsongs. Vier Gesangstraditionen stellen wir vor.

 

Psalmodieren

Die Psalmodie bezieht sich auf das Singen von Psalmen und anderen religiösen Texten, wobei bestimmte melodische Formeln verwendet werden. Diese Praxis hat ihre Ursprünge in der antiken jüdischen Musik und wurde später zu einem wichtigen Bestandteil des Gregorianischen Chorals. Psalmodie legt besonderen Wert auf die korrekte Rezitation der Texte und die Melodie ihrer Aussprache.

Die Noten werden seit dem 9. Jahrhundert in Neumen, kleinen Symbolen, die über den Text geschrieben wurden, notiert. Historisch gesehen begann die Psalmodie mit dem Wechselgesang von Psalmversen und entwickelte sich dann zu einem festen Muster von Anfang, Rezitation, Mittelkadenz und Schlusswendung.

 

Gesungene Liturgie

Liturgische Formen sind vielfältig: Gibt es in unserer Gemeinde gewisse liturgische Elemente, die gesungen werden, so werden in lutherisch geprägten Gemeinden weite Teile der Liturgie von der Pfarrperson singend vorgetragen. Diese Praxis lässt sich zurückführen auf reformatorische Ideale Martin Luthers, der die Bedeutung des Gesangs im Gottesdienst als Ausdruck des Glaubens betonte. Aus diesem Grund übernahm Luther die Tradition der gesungenen Liturgie von der katholischen Kirche.

Die Einführung von Kirchengesangbüchern und die Entwicklung neuer musikalischer Formen wie Chorälen und Kantaten trugen zur Verbreitung der gesungenen Liturgie bei. So bildeten sich auch feste Melodien für die einzelnen liturgischen Elemente heraus. In reformiert geprägten Gemeinden ist hingegen das Singen der Liturgie nicht üblich, jedoch pflegen diese das Psalmodieren stärker.

 

Taizégesang

Wer kennt sie nicht, die Gesänge aus Taizé?

Sie entstanden für die von dem Schweizer evangelischen Theologen Roger Schütz 1949 gegründete Communauté de Taizé. Die Bruderschaft in dem kleinen Dorf Taizé im französischen Burgund nutzte schon bald die Dorfkirche und fand von Anfang an Akzeptanz.

So trat der damalige Botschafter des Papstes, Angelo Roncallli, persönlich dafür ein, dass die ökumenische Bruderschaft katholische Messen feiern durfte. Roncallli wurde später Papst Johannes XXIII. Die Communauté wuchs und lud ab den 1960er Jahren besonders junge Menschen nach Taizé ein. Über die Jahre kamen Millionen. Bis heute sind viele evangelische wie katholische Menschen durch die Spiritualität aus Taizé geprägt.

Grundlage für den Erfolg ist nicht zuletzt die Musik: Die von Jacques Berthier und weiteren Komponisten für die Communauté geschriebenen Lieder erzeugen durch ihre Vierstimmmigkeit und das wiederholte Singen mit Solostimmen und facettenreicher Instrumentierung einen ganz besonderen Klangraum. Einige fanden Eingang in das Evangelische Gesangbuch.

 

Worship – Lobpreis

Lobpreis und Anbetung sind nichts Neues. Beides gab es schon vor den ersten Christinnen und Christen. Neben den Psalmen und neutestamentlichen Texten wie etwa dem Lobpreis der Maria, dem Magnificat, gibt es Lobpreis auch in unserem Gottesdienst: Ein Lied wie „Lobe den Herren“ ist ein Paradebeispiel. Dass man sich nur zum anbetenden Singen in der Kirche wiederfindet, ist allerdings unüblich geworden.

Erst durch die Charismatische Bewegung kam es zu einer Wiederentdeckung des Lobpreises an sich. In der aktuellen Lobpreis- und Anbetungskultur besteht der Lobpreis meist aus kurzen, einstrophigen Gesängen, die sich musikalisch an aktuelle Popmusik anlehnen. Die Lieder sind dabei so einfach gehalten, dass jeder Mensch mitsingen kann. Gerade dadurch zieht diese Form von Musik immer wieder junge Leute an.