Wenn es beim Handy „pling“ macht, ist eine neue Nachricht eingetroffen ist. Zusätzlich leuchtet kurz das Display auf. Das muss wohl so sein. Lichtsignale erhöhen die Aufmerksamkeit. Ob die Nachricht wichtig ist, etwas in mir auslöst, mich in Bewegung setzt, zeigt sich aber erst, wenn ich sie gelesen habe. „Pling“ macht es hin und wieder auch einfach so in unserem Kopf oder spürbar unter der Haut, im Herzen, in den Augen, die sich plötzlich mit Tränen füllen. Dann ist etwas geschehen, das uns berührt, beeindruckt, bewegt.
Solche Momente sind Bestandteil vieler religiöser Erzählungen. Manchmal braucht es eine Weile, bis „ein Licht aufgeht“. Der Junge Samuel denkt, es sei Eli, der Priester, der ihn beim Namen ruft. Bis dieser ihm sagt, dass es Gottes Stimme ist. Der Erzähler (1. Samuelbuch, Kap. 3) fügt beinahe schmunzelnd hinzu: „Die Lampe Gottes aber war noch nicht erloschen.“ So konnte es Samuel und Eli langsam dämmern.

Auch Mose ahnt nicht sogleich, dass sich ihm Gott im brennenden Dornbusch zuwendet. „Warum wählte Gott einen Dornbusch, um sich zu offenbaren“, fragte mal jemand Rabbi Josua ben Karechah. Der antwortete: „Hätte er einen Maulbeerbaum gewählt, würdest du die gleiche Frage stellen. Aber ich will dich nicht ohne Antwort gehen lassen. Darum höre, dass Gott den Dornbusch gewählt hat, der so gar nichts hermacht, um dich zu belehren, dass es auf Erden keinen Platz gibt, an dem Gott nicht anwesend ist.“ Ob es bei dem Fragenden danach „pling“ gemacht hat, wird nicht überliefert.
Dass und wie Menschen von Gott angerührt werden können, führt im kirchlichen Kalener ein eigenes Fest vor Augen. Es trägt den Namen Epiphanias oder „Erscheinung des Herrn“. Das Fest geht zurück auf einen Brauch im alten Ägypten, bei dem zu Ehren der Geburt des Sonnengottes in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar Wasser aus dem Nil geschöpft wird. Die Kirche knüpfte an diesen Brauch an und begründete das Weihnachtsfest, das in der Orthodoxen Kirche weiterhin am 6. Januar gefeiert wird – mit Bezug zur Taufe Jesu, weshalb es in der russischen Kirche üblich ist, ein Kreuz in die Eisschicht eines Sees zu schlagen und da hineinzutauchen.
Das ist sicher ein „Pling“-Erlebnis der besonderen Art. Die westliche Kirche legte ihr Augenmerk auf die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland. Sind sie wie wir, was den jüdischen Glauben angeht, vom Grunde her Analphabeten, religiös unmusikalisch, könnte man auch sagen. Als „Vertreter der Völkerwelt“ verfolgen sie die Spur eines Himmelslichtes, brauchen in Jerusalem den Support von Schriftgelehrten und treffen schließlich in Bethlehem ein. Matthäus schreibt: „Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf.“ (Matthäus-Evangelium Kap. 2) Die Freude, das Niederknien und Beschenken sind Ausdruck davon, dass ihnen ein besonders Licht aufgegangen ist.
Es ist zuweilen eigenartig, was Menschen in Bewegung versetzen kann. Neugier genügt, kommt mir in den Sinn, dieses wunderbare zweistündige Radio-Format mit dem Untertitel „Die Wundertüte von WDR 5“. Hier geht man den Dingen auf den Grund und kann so manches mal in Staunen versetzt werden. Ich denke auch an Konzertbesuche. Musik kann ergreifend sein, die Haut kribbeln lassen, zum Weinen bringen. Oder eine Bergbesteigung, die das Gefühl der Erhabenheit wachruft. Oder eine Geschichte, die ich lese, die mich anrührt, die mein Herz weich macht.
Wann macht hat es bei Ihnen mal „pling“ gemacht? Wann ist dir ein Licht aufgegangen? Vielleicht im Weihnachtsoratorium? Oder beim Singen von „Es kommt ein Schiff geladen“? Oder beim Anblick eines Kindes, das die Kerzen am Weihnachtsbaum bestaunt, in dessen Augen sich das Geheimnis von Weihnachten spiegelt? Es gibt so manche Augenblicke, die uns mit dem Göttlichen in Verbindung bringen, eine tiefe Freude wecken, uns demütig machen und freigiebig. Das kleine, aufleuchtende Handy-„Pling“ kann uns daran erinnern.
Ein aufmerksames, neugieriges Hinschauen und Hinhören ebenso. Schön, dass die Kirche dafür reiche Schätze hat: ihre Feste, ihre Schriften, ihre Musik, ihre Räume, ihre Kunst. All das hat schon viele Menschen erleuchtet.
